Finanzierung von Bauunternehmen und Bauhandwerksbetrieben – Eine Herausforderung im Jahr 2023

Die Krise im Neubau ist spätestens seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine nicht mehr zu übersehen. Für die Branche sind neue Bauvorhaben unkalkulierbar geworden aufgrund von Materialmängeln und dem rasanten Anstieg der Kosten. Dabei hatten sich Bauprojekte bereits während der Corona-Krise innerhalb eines Jahres um 10 bis 15 Prozent verteuert. Doch mit dem Ausbruch des Krieges legten die Preise weiter zu.

Laut einer Umfrage des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie beklagen inzwischen 74 Prozent der Baufirmen Verzögerungen bei laufenden Bauprojekten. 35 Prozent sind im Mai sogar von Auftragskündigungen betroffen – und somit sechs Prozent mehr als noch Mitte April, sowie zehn Prozent mehr als Anfang März.

Erstmals im Jahr 2021 war die Tendenz bei den Neubauten rückläufig. So wurden laut Zahlen des Statistischen Bundesamts erstmals seit dem Jahr 2011 in Deutschland weniger Wohnungen gebaut als noch im Jahr zuvor. Unserer Meinung nach werden wir im Jahr 2023 einen weiteren Rückgang der Neubautätigkeit erleben.

In den Bauunternehmen und den Bauhandwerksbetrieben ist die Stimmung aktuell durch eine Vielzahl von Auftragsstornierungen gekennzeichnet. Insbesondere im Wohnungsneubau zeichnet sich ein starker Rückgang im kommenden Jahr ab.

 

  1. Ausgangssituation

    Viele der Unternehmen haben in den letzten Jahren noch gut verdient, so dass die Auswirkungen sicherlich nicht unmittelbar und überall zu spüren sein werden.Wir stellen jedoch fest, dass wir – gegenüber 2021 – im laufenden Jahr schon eine Reihe von deutlichen „Bremsspuren“ in den Bilanzen für 2022 erwarten dürfen:
  • So werden die Verzögerungen bei der Fertigstellung, die in einer Vielzahl von Baustellen festzustellen sind, zu einem starken Anstieg der halbfertigen Arbeiten führen, was tendenziell eine Ergebnisverschlechterung bedeutet.
  • Wir erwarten, dass diese Verzögerungen auch Mehrkosten auslösen, die vielfach nur mit Diskussionen über die Nachträge zu (Teil-)Erfolgen bei den Auftraggebern führen, so dass die Unternehmen auf einem Teil dieser Mehrkosten sitzen bleiben.
  • Die Störungen in den Lieferketten und die damit verbundenen Preissteigerungen waren nicht in allen Fällen eingepreist und können daher auch nicht vollumfänglich weitergegeben werden.
  • Die Rückgänge in den Auftragsvolumina werden den Preisdruck wieder deutlich erhöhen.
  • Speziell bei den staatlichen Aufträgen kommt noch hinzu, dass zwar angeblich das Geld für viele Projekte vorhanden sind, aber die Aufträge nicht an den Markt kommen, weil die Planungen fehlen.

Dies wird unter anderem dazu führen, dass sich die Ertragssituation vieler Unternehmen eintrüben wird.

  1. Liquiditätsauswirkungen
    Im Ergebnis müssen die Unternehmen mit geringeren Margen auskommen.Gleichzeitig müssen die Unternehmen aber im Einzelfall mehr Vorräte vorhalten, um lieferfähig zu bleiben.

    Wir glauben auch, dass die Diskussionen um die Nachträge aktuell deutlich zunehmen. Eine Ursache ist wohl, dass die Bauverzögerungen diese Mehrkosten auslösen, womit sich die Auftraggeber zunehmend schwertun. Gleichzeitig ist die Finanzierung nicht mehr so „geschmeidig“, wie sie dies in den letzten Jahren war.

    Dies führt im Ergebnis dazu, dass die Unternehmen länger auf die Zahlung der Nachträge warten. Wir gehen auch davon aus, dass es zu einem signifikanten Anstieg der Bauprozesse führen wird.

    Alle diese Ursachen führen dazu, dass ein stark erhöhter Liquiditätsbedarf vorhanden sein wird.

 

  1. Maßnahmen zur Liquiditätsverbesserung 

    Dieser Entwicklung sind die Unternehmen aber nicht wehrlos ausgeliefert. Es können eine Reihe von Maßnahmen ergriffen werden, die die Liquiditätssituation verbessern:a) Bankgespräche Sicherheiten
    Wir empfehlen, dass die Unternehmen mit ihren Banken frühzeitig das Gespräch suchen. Dafür sind zeitnahe und aussagekräftige monatliche Reportings sowie rollierende Planungen entscheidend. Sind die Kreditlinien heute „relativ knapp“, so ist auf der Basis guter Zahlen eine Ausweitung denkbar, um sich für zukünftige Engpässe zu wappnen.

    Sind die Kreditlinien ausreichend, so lohnt möglicherweise eine teilweise Enthaftung von Sicherheiten. Hier sollten die Unternehmer einmal daran denken, dass sie versuchen ihr Privatvermögen deutlich vom Unternehmensvermögen zu trennen. Das Ziel kann aber auch sein, dass man bei einem zukünftigen Liquiditätsbedarf wieder zusätzliche Sicherheiten geben kann.

    b) 2. Hausbank
    Wer bisher ausschließlich mit einer Hausbank gearbeitet hat, sollte über eine zweite Bankverbindung nachdenken. Vorteilhaft ist hier, dass eine Wettbewerbssituation entsteht, wo tendenziell die Konditionen besser sind. Auch fällt es vielfach leichter über Blankokredite zu sprechen.

    c) Reduzierung des Umlaufvermögens durch Vorauszahlungen

    In Zeiten „reichlicher Liquidität“ war das Thema Vorauszahlungen eher uninteressant. Heute, wenn wieder intensiver über Nachlässe verhandelt wird, so bietet sich eine Vorauszahlung an, weil diese zusätzliche Liquidität verschafft.

    Gelingt es darüber hinaus, dass sie sich nur mit dem Baufortschritt abbaut (pro-rata-temporis), so stellt sie gleichzeitig eine Sicherheit für die Zahlungen des Auftraggebers dar.

    Oftmals können hier – ohne Sicherheiten oder mit geringen Sicherheiten – über die Kreditversicherer das saldierte Umlaufvermögen aus halbfertigen Arbeiten und erhaltenen An- bzw. Vorauszahlungen reduziert werden.

    d) Reduzierung des Umlaufvermögens durch Kauf mit Sicherungsübereignun

    In vielen Fällen wird immer noch ein zeitnaher Einkauf erforderlich sein, um so ein Preisniveau abzusichern. Dies verstehen auch viele Auftraggeber. Daher kann gemeinsam überlegt werden, dass die Lagerhaltung, die gegebenenfalls auch über einen längeren Zeitraum erforderlich ist, durch den Auftraggeber vorfinanziert wird und als Sicherheit die Sicherungsübereignung der eingelagerten Materialien vereinbart wird.

    e) Reduzierung des Anlagevermögens durch „alternative Finanzierungen“

    Soll neues Anlagevermögen angeschafft werden, so gibt es zum klassischen Bankkredit einige Alternativen. Dies ist insbesondere dann interessant, wenn es für die Hausbanken schwer ist, eine Maschine zu bewerten. Spezialinstitute oder Leasingunternehmen tun sich hier oftmals leichter, so dass oftmals keine zusätzlichen Sicherheiten erforderlich sind. Dies ist insbesondere dann interessant, wenn man sich die „Gesamtlinie“ bei seinen Hausbanken offen halten will.

    Für den Einkauf sind auch sogenannte Einkaufsfinanzierungen interessant. Der größte Vorteil der Einkaufsfinanzierung ist das Verlängern des Zahlungsziels. Der Lieferant wird zwar unmittelbar bezahlt, aber der Kredit wird erst später beglichen. Dadurch profitiert sowohl das kreditnehmende Unternehmen als auch der Lieferant. Beide verfügen länger und schneller über Geldmittel.

Auch die Optimierung des Working Capitals ist ein interessanter Ansatz. So bieten Spezialinstitute Kunden aus dem deutschen Mittelstand praktikable Lösungen zur:

  • Reduzierung der bilanziellen Lagerbestände durch den Off-Balance Effekt
  • Gleichzeitig höhere Materialverfügbarkeit vor Ort im Konsignationslager deS Spezialanbieters
  • Kurze Zahlungsziele für den Lieferanten (Spezialanbieter zahlt den Lieferanten direkt nach Wareneingang)
  • Lange Zahlungsziele für das Unternehmen
  • Verbesserung der Liquidität für den
    • Lieferant (durch direkte Zahlung) und
    • Kunden durch Zahlung der Ware erst nach Entnahme aus dem Konsignationslager
  • mit zusätzlichem Zahlungsziel bis zu 50 Tagen
  • Verbesserte Einkaufskonditionen

Alle diese Maßnahmen sollten gegeneinander abgewogen werden. Dabei ist zu beachten, dass dies keine schnellwirkenden Maßnahmen sind, denn das Vertrauen mit neuen Partnern muss aufgebaut werden.

Neben zeitnahen Abschlüssen sollten zusätzlich Planrechnungen und Soll-Ist-Vergleiche vorliegen. Auch sollte eine Unternehmensstrategie fixiert sein, die man den Partnern kommunizieren kann.

 

Werner Broeckmann                         Patrick Goris

Inanspruchnahme der Steuerberater: Ein neues Tätigkeitsfeld für Insolvenzverwalter und ihre betriebswirtschaftlichen Berater

(BGH Urt. v.26.01.2017 – IX ZR 285/14 und § 102 StaRUG)

Vor dem Hintergrund, dass damit zu rechnen ist, dass im Zuge der sich anbahnenden Krise mehr von Unternehmen Insolvenz anmelden müssen und sich die später involvierten Insolvenzverwalter die Frage stellen, ob die Insolvenz auf die aktuelle Krise zurückzuführen war oder ob gegebenenfalls schon vorher Insolvenzantragsgründe vorlagen. In der Konsequenz kann es zu einer verstärkten Haftung der Steuerberater kommen, die die Bilanzen der Unternehmen mit aufstellen.

Im Lichte der neuen Rechtsprechung des BGH muss der Steuerberater daher seine Positionierung überprüfen. Zwar stellt er nur den Jahresabschluss auf, aber gleichzeitig verpflichtet ihn der BGH und das StaRUG, dass er nur von einer Bilanzierung zu Fortführungswerten ausgehen kann, wenn es keine Umstände gibt, die dieser Art der Bilanzierung entgegenstehen.

Zentral geht es um drei Positionen:

  1. Forderungen

Sehr häufig sind Forderungen im Bau strittig, da es oftmals zu Leistungsänderungen während der Bauzeit kommt. Dies führt in der Folge zu Nachträgen des Unternehmers gegenüber dem Auftraggeber.

Üblicherweise versuchten Auftragnehmer und Auftraggeber sich während der Bauphase zu einigen. Dies gelingt aber bei weitem nicht immer, so dass es zu Verhandlungen kommt, die sich oft mehrere Monate hinziehen.

Aus Sicht des Bilanzierenden ergibt sich in solchen Fragen das Problem des „richtigen Wertansatzes“. Diese Verantwortung bleibt in der Regel beim Geschäftsführer des Unternehmens. U. E. trifft den Steuerberater, der die Bilanz aufstellt, aber die Verpflichtung, dass er den Unternehmer über das strenge Niederstwertprinzip im Umlaufvermögen aufklärt.

Obwohl es der Geschäftsführer per Definition seines Amtes hätte wissen müssen, ist ihm die Auswirkung einer falschen Bewertung vielfach nicht bewusst. Dies gilt insbesondere auch im Hinblick auf die hiermit verbundenen insolvenzrechtlichen Konsequenzen.

Hier trifft den die Bilanz aufstellenden Steuerberater eine Aufklärungspflicht.

Es sollte auch berücksichtigt werden, dass sich die Werthaltigkeit einer Forderung im Zeitablauf verändern kann.

Stellt sich dann im Zeitablauf heraus, dass der ursprüngliche Optimismus nicht gerechtfertigt war, so muss u. E. dann eine Wertkorrektur vorgenommen werden. Dies sollte gegebenenfalls auch unterjährig erfolgen, da nur so die Überschuldung erkennbar wird.

 

  1. Halbfertige Arbeiten

In den kleineren mittelständischen Unternehmen ist häufig keine Kostenträgerrechnung vorhanden.

Im HGB ist eindeutig geregelt, dass der Maßstab für die Bewertung der halbfertigen Arbeiten die Herstellkosten sind. Gegebenenfalls können angemessene Gemeinkostenzuschläge mit aktiviert werden.

Tatsächlich dominieren in der Praxis retrograde Bewertungsmethoden, da eine Zuordnung der Kosten ohne Kostenträgerrechnung sehr aufwendig ist.

Die Unterschiede in der Bewertung sind aber gravierend.

  1. Rückstellungen

Ähnliche Probleme ergeben sich auch auf der Rückstellungsseite. Aus Sicht der Geschäftsführer von Handwerksbetrieben sind auch diese zunächst nur schwer verständlich, weil er in Rechnungen, Liquidität und Kosten denkt.

Daher ergibt sich eine grundsätzliche Erläuterungspflicht des die Bilanz aufstellenden Steuerberaters.

In seinen Leitsätzen verpflichtet der BGH den mit der Erstellung des Jahresabschlusses beauftragte Steuerberater, dass er die zur Verfügung gestellten Unterlagen prüft und die „…ihm sonst bekannten Umstände tatsächliche(r) oder rechtliche(n) Gegebenheiten… die einer Fortführung der Unternehmenstätigkeit entgegenstehen…“ würdigt.

Weiterhin hat der Steuerberater seine Mandantin auf einen möglichen Insolvenzpflicht und die damit verbundenen Prüfungspflichten hinzuweisen, wenn die Anhaltspunkte offenkundig sind und er annehmen muss, dass dies seiner Mandantin nicht bewusst ist.

Weiterhin weist der BGH darauf hin, dass der Jahresabschluss unabhängig von der Prüfungspflicht stets mangelhaft sei, wenn der Steuerberater aus dem Dauermandat her Umstände kennt, die den handelsrechtlich zulässigen Rahmen überschreiten.

Dies gilt für eine ex-ante-Sichtweise. Im Weiteren stellt dabei der BGH darauf ab, dass grundsätzlich von der Fortführungsvermutung auszugehen ist, wenn diese nicht „objektiv“ fehlerhaft ist.

Darüber hinaus hafte der Steuerberater nur dann, wenn er die falsche Bilanzierung zu verantworten habe. Er muss sich also die Informationen, die ihm zur Verfügung stehen, auswerten.

Sollten danach Zweifel bestehen, so muss er „…Sorge tragen, dass die Gesellschaft eine explizite Fortführungsprognose erstellt.“ Im Umkehrschluss darf er keine Bilanz zu Fortführungswerten erstellen, wenn er berechtigte Zweifel hat, dass dies möglich ist. Die einzige Ausnahme, die der BGH hier sieht, ist, wenn die Gesellschaft den Steuerberater trotz seiner Zweifel ihn explizit angewiesen hat, dass er so bilanzieren soll.

Aus der laufenden Buchhaltung können sich eine Reihe von Hinweisen ergeben, die auf Liquiditätsschwierigkeiten des Unternehmens hindeuten. Beispielhaft seien Lastschriftrückgaben durch die Banken oder Kontenpfändungen erwähnt.

Aus unserer Sicht reichen diese Anzeichen aus, dass der Steuerberater – wie vom BGH gefordert – mit dem Mandanten die Fragen der Fortführung des Unternehmens bespricht und gegebenenfalls auch die Fortführungsprognose einfordert.

Er wird sich im Falle fehlender Liquidität kaum exkulpieren können, da er sich die Tätigkeit seiner Angestellten wird zurechnen lassen müssen. Weiterhin werden in der Praxis viele Steuerberater in einer solchen Phase auch von Ihren Mandanten angesprochen und um Rat gefragt.

Bisher wird in der Praxis oftmals der Leistungsstand der halbfertigen Arbeiten anhand einer Aufstellung des Unternehmens übernommen. Vor dem Hintergrund der Aufklärungspflichten ist diese Praxis unzulässig.

Strittige offene Forderungen sind für den Steuerberater oftmals nicht unmittelbar prüfbar. Allerdings sollten diese Fälle mit den Mandanten besprochen werden, da diesem oftmals nicht bewusst ist, dass er auf einen nichtwerthaltigen Teil Einzelwertberichtigungen zu bilden hat.

Die handelsrechtlichen Rückstellungen stellen eine Art der Betrachtung dar, die vielen Bauhandwerkern eher fremd ist. Dass das Unternehmen schon Kosten bucht, die erst zu einem späteren Zeitpunkt anfallen, ist vielen nicht geläufig. Daher entsteht hier nach unserer Auffassung eine erhöhte Beratungspflicht.

Der Steuerberater hat eine umfassende Informationspflicht, wenn die Gefahr besteht, dass sein Mandant insolvenzantragspflichtig ist. Dabei hat er alle Informationen mit einfließen zu lassen, die ihm aus der Erstellung selber, aber gegebenenfalls auch aus der laufenden Buchführung bekannt sein müssten.

Für den Insolvenzverwalter und seine betriebswirtschaftlichen Berater ergeben sich daraus Chancen, dass der Steuerberater mit haftet.

Nachträge beim Bau: Betriebswirtschaftliche Auswirkungen der neuen Rechtsprechung

Die Gründe, die bei Bauunternehmen und Bauhandwerksbetrieben zu Nachträgen führen, sind vielfältig. Das Thema „Nachträge“ beschäftigt seit vielen Jahren die Gerichte in Deutschland. Im Folgenden soll im Kern auf einige Änderungen, die sich durch das neue Baurecht und die jüngere Rechtsprechung ergeben haben, aus betriebswirtschaftlicher Perspektive eingegangen werden. Führt diese wirklich zu einer gerechten Verschiebung der Gewichte zugunsten der ausführenden Bauunternehmen? Ein Artikel auf www.handwerk.com.